Interview mit Andreas Ettwig. von „PatientenwieIch“

Andreas E.: Was ist das Wichtigste für dich?

Anita H:Das Wichtigste ist für mich, dass ich trotz der tausend Stolpersteine, die mir auf den Weg geworfen werden, mir selber treu bleibe. Ich bin nämlich nicht die Krankheit MS, sondern ich bin der Mensch „Anita Hermelig“ Meine Familie war und ist Mittelpunkt meines Lebens.
Es ist sehr wichtig für mich, dass der, der sich Freund oder Freundin nennt, ehrlich und offen zu mir ist, weil ich diese Eigenschaften auch pflege.
Trotz Rollstuhl und Behinderung besinne ich mich stets darauf, dass ich eine Fau bin, also für mich in Anspruch nehme, auch ein klein wenig eitel sein zu dürfen. Lange habe ich es vermieden, mich wahr zu nehmen, weil alles so weh tat. Es ist mir total wichtig, chic gekleidet zu sein und Komplimente über mein Aussehen tuen mir gut. Der Blick in den Spiegel hilft mir, auch einen Blick in meine Seele zu werfen. Mein Spiegelbild verrät mir, was in mir los ist. Es ist wie eine Bestandsaufnahme. Ich bin mir wichtig! Wenn ich mir wichtig bin, sind andere mir auch wichtig!

Andreas E.:Wie würdest du dich selbst beschreiben?
Anita H:Ich bin ein Mensch, der über sich und andere lachen kann. Humor macht das Leben leichter, gerade dann, wenn man krank ist. Ich fühle mich wohl in der Gesellschaft von lieben Leuten, die meinen Alltag bereichern und denen auch ich mehr Inhalt schenken darf. Ich nehme mir Zeit für mich, aber es bleiben noch genügend Stunden übrig, die ich gerne verschenke. Wehklagen liegt mir nicht. Dinge, die ich ändern kann, nehme ich in Angriff, mit allem anderen, das nicht zu ändern ist, versuche ich mich zu arrangieren. Ich bin reiselustig, liebe aber auch den Sonnenschein zu Hause und einen lauschigen Abend auf der Terrasse.
Andres E.:Was machst du um dich zu entspannen und auf andere Gedanken zu kommen?
Anita H:Je nach Möglichkeit, Tageszeit oder Stimmungslage wähle ich aus, was gerade besser ist.
1.) Ich hole mein Rollstuhlbike aus der Garage und mache eine Tour durch die Natur, aber alleine! Wenn ich mit den Armen in die Pedalen trete, dann fühle ich mich wunderbar frei und die unguten Gedanken fliegen mit dem Wid weg.
2.) Ich nehme am Abend ein Bad, zünde Kerzen an, relaxe bei klassischer Musik, bei der ich zur Ruhe kommen kann. Dabei lese ich gerne ein Buch, das mir neue Energie schenkt. Ich lasse mich von niemanden stören.
3.) Entweder hole ich meine Maluntensilien raus, oder Papier und Stift. Dann male und schreibe ich einfach drauf los, lasse all meine Sorgen auf die weißen Seiten fallen. Dann kann ich wieder durch atmen und die Sorgen abstreifen.
4.)Ich verabrede mich mit einer guten Freundin auf einen Kaffee oder Tee in der Fußgängerzone und wir kehren in der einen oder anderen Boutique ein. Es kann auch ein Kino- oder Theaterbesuch sein, der mit einer Freundin Spaß macht und Entspannung bringt.
Andreas E.:Welche Wünsche hast du für die Zukunft?
Anita H:Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mein Krankheitsbild stabil bleibt oder sich bessert, sich meine häusliche Situation nicht verschlechtert, ich mir treu bleibe und meinen Humor nicht verliere. Und natürlich, dass es meiner Familie gut geht. Mehr brauche ich nicht.

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Über Anita Hermeling

Bereits in sehr jungen Jahren erkrankte ich an Multiple Sklerose. Nach der Geburt meiner Tochter, das Jüngste meiner 3 Kinder. Mit ihr war unsere Familie komplett, 2 Jungs, 1 Mädchen und wir die Eltern. Doch das Glück währte nicht lange. Irgendetwas stimmte nicht mit mir, das spürte ich. Zwei bis drei Jahre lang suchte ich nach einer Erklärung, bis ein Arzt mich aufklärte. Die MS war in meinen Körper, in meine Familie, in unser Haus eingezogen. Die Krankheit zog mich immer mehr nach unten, körperlich und seelisch.Niemand glaubte mehr daran, dass ich mich aus diesem Sog befreien konnte. Da geschah das Wunderbare. Ich gewann an Lebensfreude und Energie und mein Körper machte mit. Freundinnen machten mich vertraut mit Hobbys, die ich sehr mochte. Das war der Anfang meiner "Karriere" als Malerin und Autorin. Eigene Ausstellungen und Lesungen halfen mir und Menschen, die so wie ich an dieser heimtückischen Krankheit litten, Mut und Energie neu zu entfachen. Drei Bücher zum Thema, sowie Gewinner - Geschichten .aus Wettbewerben sind aus meiner Feder entstanden. Die MS hielt still, solange nichts Negatives in mein Leben trat. Hier möchte ich vorläufig enden und genießen, was mir Positives geschah.