Interview Maria Kruthaup, Diözesanvorsitzende des Bistum Osnabrück mit Frau Anita Hermeling in „Engagiert“

kleines Portraitfoto.jpg.gif Wenn die Seele Zickzack läuft
Ende Februar hatte der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) St. Antonius in Papenburg die Autorin Anita Hermeling aus Lindern zu einer Lesung mit dem Thema: „Wenn die Seele Zick-Zack läuft“ ins Niels-Stensen-Haus eingeladen. Frau Hermeling, ist seit vielen Jahren an Multipler Sklerose (MS) erkrankt, schreibt in ihren Büchern über ihr Leben mit einer chronischen Krankheit und möchte damit anderen Betroffenen Mut machen.
Kruthaup: Frau Hermeling, wie hat sich die Krankheit bei Ihnen bemerkbar gemacht?
Hermeling: Bereits als 15 jährige hatte ich die ersten Symptome. Ich war eine kurze Zeit taub. Gott sei Dank hat sich das wieder zurückgebildet und es wurde nicht weiter nach der Ursache geforscht. Dann mit 24 Jahren ging es los mit Taubheitsgefühlen, Sehnerventzündung, Gangstörungen.
Kruthaup: Verdrängen oder Annehmen – wie nimmt man diese Krankheit an?
Hermeling: Zuerst verdrängt man automatisch alles was mit der Erkrankung zusammenhängt, man will es nicht wahrhaben, weil alles zu schwer zu begreifen ist. Symptome kommen und gehen mit den Schüben. Bis die Krankheit sich deutlich bemerkbar macht und man sie nicht mehr verdrängen kann. Man muss sich mit ihr auseinandersetzen, ob man will oder nicht. Oft ist es ratsam, professionelle Hilfe, zumindest für eine gewisse Zeit, in Anspruch zu nehmen, weil das Selbstwertgefühl doch sehr leidet. Selbsthilfegruppen bieten sich an, die Krise zu meistern. Aber dann muss man sein Leben beherzt in die Hand nehmen. Ich bin immer noch „Ich“ und nicht die Krankheit Multiple Sklerose. Hobbys können eine große Hilfe sein, sich neu zu entdecken.
Kruthaup: Diktiert die Krankheit Ihr Leben oder können Sie selbst noch planen?
Hermeling: Es ist sehr wichtig, dass ich trotz dieser unberechenbaren Krankheit mein Leben plane. Ohne Plan läuft man Gefahr, sein Leben nicht im Griff zu haben. Wichtig ist es, dass man dann, wenn die MS mit einem Schub oder auch einfach mit einem schweren Tag sich bemerkbar macht, dann umplant. Das heißt, man darf für sich in Anspruch nehmen, sich zurück zu ziehen und das Geplante erst einmal ruhen zu lassen und lernen, Geduld mit sich zu haben. Es kommen bessere Tage, das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Kruthaup: Wie reagieren Menschen auf Ihre Erkrankung?
Hermeling: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie erst einmal geschockt sind und sich zurück ziehen. Das geschieht aber einfach deshalb, weil auch sie erst einmal begreifen müssen, dass MS nicht wie Grippe ist. MS geht nicht wieder weg, MS bleibt,
MS ist mein ständiger Begleiter. Vor allen Dingen, glaubt der Mitmensch, die MS-Kranke hat stets das Schicksal „Rollstuhl“ vor sich. Und das ist einfach nicht richtig. Viele Menschen bleiben bis ins Alter gehfähig und sind nicht einmal schwer betroffen. Deshalb nennt man MS auch die Krankheit mit den tausend Gesichtern.[inspic=34,right,fullscreen,120]
Kruthaup: Kann man auf seine Krankheit hören?
Hermeling: Das kann ich mit „Ja“ beantworten. Ich darf meine Kräfte einfach nicht überschätzen und versuche, sie gut einzuteilen. Der Körper meldet sich schon, wenn Gefahr im Anzug ist. Aber es dauert, bis man die Zeichen deuten kann. Ãœbermäßiger Stress ist ein starker Faktor, aber für wen ist dieser Stress schon gut? Ein gesunder Mensch bekommt da auch seine Schwierigkeiten.
Kruthaup: Haben Sie Angst vor der Zukunft?
Hermeling: Natürlich steckt die Angst im Menschen, was ist wenn… Aber stellt sich diese Frage nicht Jedem, der an die Zukunft, an das Alter und die damit verbundenen Gebrechen denkt? Ich glaube, wir können lernen, mit dieser Angst umzugehen und sie mit der Zeit gelassener zu sehen. Angst ist der größte Stressfaktor überhaupt. Angst nimmt uns die Lebensqualität, das sollten wir uns immer vor Augen halten.
Kruthaup: Öffnet Krankheit Türen im Leben, Beruf, Glauben?
Hermeling: Oh ja, das ist unumstritten wahr. Es schließen sich viele Türen, aber noch viel mehr Türen öffnen sich. Wir lernen Menschen kennen, die uns begleiten, wir verabschieden uns von Menschen, die einfach unseren Weg nicht mitgehen können. Wir entwickeln uns, bekommen eine andere Einstellung. Oft ist es so, dass ein kranker Mensch sich von seinem ursprünglichen Beruf trennen muss und dann zu der Beschäftigung gelangt, die schon immer sein Traum war. So erging es auch mir. Ich wollte immer schreiben. Erst die Krankheit machte es mit möglich, als ich mich aus dem aktiven Berufsleben verabschieden musste. Auch der Glaube ist zumindest bei mir sehr intensiv geworden. Wie soll ich mein Leben meistern, wenn ich nicht an einen Gott glaube, der mir hilft, diesen weg zu gehen? Ohne Glauben fehlt mir die Hoffnung, fehlt mir die Liebe zu mir und anderen.[inspic=36,right,fullscreen,120]
Kruthaup: Woher nehmen Sie den Lebensmut?
Hermeling: Ich schöpfe die Kraft und den Mut aus meinem Galuben und weiß, dass ich in ihm aufgehoben bin. Auch meine Familie, die mir zur Seite steht, schenkt mir Liebe und somit den Mut für die Bewältigung des Alltags, der nach wie vor oft schwer ist.
Kruthaup: Was kostet besondere Kraft?
Hermeling: Wenn ein neuer Schub, ein schwerer Schicksalsschlag meine Welt erneut ins Schwanken bringt. Dann muss ich mich neu orientieren und wieder die Balance finden.
Kruthaup: Können Sie der Krankheit etwas abgewinnen?
Hermeling: Ohne diese Erkrankung würde ich wahrscheinlich noch immer in meinem Beruf tätig sein, würde privat von einem Termin zum nächsten hetzen. „Keine Zeit, keine Zeit“ würde mir wahrscheinlich oft über die Lippen kommen. Heute nehme ich mir Zeit für mich, für andere. Wenn ich nicht krank geworden wäre, wäre ich wahrscheinlich nie Autorin geworden, würden meine Bücher nie geschrieben sein. Ich hätte auch niemals den Mut gehabt, vor einer großen Anzahl Menschen Vorträge zu halten oder aus meinen Büchern vorzulesen. Ich hätte auch nie Pinsel und Farbe in die Hand genommen und meine Ängste aufs Papier fallen lassen. Die Krankheit hat mir geholfen, mein wahres „Ich“ kennen zu lernen.

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Über Anita Hermeling

Bereits in sehr jungen Jahren erkrankte ich an Multiple Sklerose. Nach der Geburt meiner Tochter, das Jüngste meiner 3 Kinder. Mit ihr war unsere Familie komplett, 2 Jungs, 1 Mädchen und wir die Eltern. Doch das Glück währte nicht lange. Irgendetwas stimmte nicht mit mir, das spürte ich. Zwei bis drei Jahre lang suchte ich nach einer Erklärung, bis ein Arzt mich aufklärte. Die MS war in meinen Körper, in meine Familie, in unser Haus eingezogen. Die Krankheit zog mich immer mehr nach unten, körperlich und seelisch.Niemand glaubte mehr daran, dass ich mich aus diesem Sog befreien konnte. Da geschah das Wunderbare. Ich gewann an Lebensfreude und Energie und mein Körper machte mit. Freundinnen machten mich vertraut mit Hobbys, die ich sehr mochte. Das war der Anfang meiner "Karriere" als Malerin und Autorin. Eigene Ausstellungen und Lesungen halfen mir und Menschen, die so wie ich an dieser heimtückischen Krankheit litten, Mut und Energie neu zu entfachen. Drei Bücher zum Thema, sowie Gewinner - Geschichten .aus Wettbewerben sind aus meiner Feder entstanden. Die MS hielt still, solange nichts Negatives in mein Leben trat. Hier möchte ich vorläufig enden und genießen, was mir Positives geschah.