Bild der Frau 19/2009 – Von Frau zu Frau

Meine Geschichte

„Ich lasse mich nicht mehr unterkriegen!“
Als sie nicht mehr laufen konnte, verlor Anita Hermeling zunächst ihren Lebensmut. Jetzt gibt sie anderen Betroffenen Kraft.
ms_dennoch_gluecklich_2234Drei Bücher und einen Gedichtband hat Anita Hermeling bereits geschrieben.ms_dennoch_gluecklich_2261Angst vor der Zukunft? Die malt Anita sich weg.
Sie erzählt:Zum ersten Mal hat sich die Multiple Sklerose in mein Leben geschlichen, als 15 Jahre alt war. Ich saß im Biologieunterricht und sah, wie meine Lehrerin und die Mitschülerin ihren Mund bewegten. Aber ich hörte nicht mehr, was sie sagten-ich war taub! So plötzlich wie der Spuk gekommen war, verschwand er auch nach ein paar Tagen.
1970, bei der Geburt meines Sohnes Carsten, lief noch alles glatt. Aber als ich mit meinem zweiten Sohn Frank schwanger war, hatte ich das Gefühl, meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Ich sah Dinge doppelt. Es kribbelte in meinem Arm. Meine rechte Gesichtshälfte wurde taub, meine Beine schwer. Doch ich verdrängte alles.
Als Frank auf der Welt war, wurde ich Stammgast bei Orthopäden und Heilpraktikern. Helfen konnten sie mir nicht. Erst sechs Jahre später, nach der Geburt meiner Tochter Ines, bekamen die die Beschwerden einen Namen: „Sie haben MS. Wir können lindern, aber nicht heilen!“ Das machte mir große Angst. Doch ich war auch leichtert, endlich eine Diagnose zu haben. Meinen Job im Büro musste ich aufgeben, konnte aber den Alltag noch bewältigen.
Das änderte sich an einem Morgen im Januar des Jahres 1990. Ich spürte meine Beine nicht mehr! In der Klinik setzte man mich zum ersten Mal in einen Rollstuhl.
Von da an war die Welt für mich nur noch grau. Die Liebe meiner Kinder und meines Mannes – ich konnte sie nicht annehmen, bekam Depressionen. Ich tat mir nur noch leid! Erst als mein Mann eines Tages zu mir sagte: „Wenn du nicht mehr willst, dann kann und will auch ich nicht mehr!“, wachte ich auf.ms_dennoch_gluecklich_2298 Privatkonzert als „Dankeschön“ für Ehemann Johannes:Anita am Klavier

Ich akzeptierte endlich den Rollstuhl. Eine Freundin drängte mich zur Malerei, eine Psychologin zum Schreiben.
Seitdem lasse ich, wenn mich mal wieder der Kummer packt, all meine Ängste aufs Papier fallen. Das und die Liebe meiner Familie gibt mir unheimlich viel Kraft, die ich in Vorträgen an andere Kranke weitergebe!
ms_dennoch_gluecklich_2323Mut machen ihr auch die kleinen Figuren, Glücksbringer ihrer Kinder, die sie auf ihren Lesungen und Vorträgen begleiten.

Aufgezeichnet von Stephanie Quandt
Fotos: Axel Kirchhof
Bild der Frau 19/2009

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Über Anita Hermeling

Bereits in sehr jungen Jahren erkrankte ich an Multiple Sklerose. Nach der Geburt meiner Tochter, das Jüngste meiner 3 Kinder. Mit ihr war unsere Familie komplett, 2 Jungs, 1 Mädchen und wir die Eltern. Doch das Glück währte nicht lange. Irgendetwas stimmte nicht mit mir, das spürte ich. Zwei bis drei Jahre lang suchte ich nach einer Erklärung, bis ein Arzt mich aufklärte. Die MS war in meinen Körper, in meine Familie, in unser Haus eingezogen. Die Krankheit zog mich immer mehr nach unten, körperlich und seelisch.Niemand glaubte mehr daran, dass ich mich aus diesem Sog befreien konnte. Da geschah das Wunderbare. Ich gewann an Lebensfreude und Energie und mein Körper machte mit. Freundinnen machten mich vertraut mit Hobbys, die ich sehr mochte. Das war der Anfang meiner "Karriere" als Malerin und Autorin. Eigene Ausstellungen und Lesungen halfen mir und Menschen, die so wie ich an dieser heimtückischen Krankheit litten, Mut und Energie neu zu entfachen. Drei Bücher zum Thema, sowie Gewinner - Geschichten .aus Wettbewerben sind aus meiner Feder entstanden. Die MS hielt still, solange nichts Negatives in mein Leben trat. Hier möchte ich vorläufig enden und genießen, was mir Positives geschah.