„Möchte allen kranken Menschen Beispiel geben“

Münsterländische Tageszeitung Nr. 152 – 27. KW

Anita Hermeling meistert Lebenskrise durch MS mit Malen und Schreiben-
Einladung nach Berlin ins Rote Rathaus
Lindern (ws) – Mit Malen und Schreiben und einer aktiven Lebensgestaltung heraus aus einer Lebenskrise: Das ist in den letzten 15 Jahren der in Lindern lebenden Anita Hermeling gelungen.Anita in ihrem Atelier Bei der Mutter von drei Kindern wurde 1986 Multiple Sklerose (MS) festgestellt, eine nicht heilbare Erkrankung des Nervensystems, die bei den daran Erkrankten unterschiedliche Krankheitsfolgen hat. Die 57jährige Büroangestellte zwang MS in den Rollstuhl.
„Ich wollte nicht zuhause sitzen, Däumchen drehen und meinen Alltag bestreiten. Ich bin kein Typ, der in Selbstmitleid zerfließt. Mitleid ist ein Wort, das ich nicht mag“, erzählt sie in einem MT – Gespräch.
Nachdem die Krankheit sie gezwungen hatte, ihren Beruf aufzugeben, begann sie zunächst auf sanften Druck von außen ihre Jugendträume zu erfüllen.
Nachdem sie während einer der vielen Krankenhausaufenthalte auf Anregung einer Freundin mit dem Malen begonnen hatte, bemerkte sie rasch die positiven Folgen für sich: „Sobald ich Pinsel und Farbe vor mir hatte, fingen meine Ängste an, sich aus meiner Seele zu schleichen und fielen auf das Papier. Mein Bauch wurde wunderbar warm, wenn ein Motiv gelang. Ich wusste wieder wie „Freuen“ geht. Und das ist bis heute so geblieben“, erzählt sie.
Vor acht Jahren dann weitete sie ihre Aktivitäten aufs Schreiben aus. 2001 veröffentlichete sie als weitere Form der Krankheitsbewältigung ihr erstes autobiografisches Buch „Die andere Freiheit“ auf Rädern – mein Leben mit der MS“.
„Es war als wenn der letzte Trauerschleier von mir fiel!, schildert sie ihre Empfindungen. Es folgten zwei weitere Bücher, und seit 2008 auch ein Gedichtband, der in Lindern in einigen Geschäften verkauft wird.
Ihr jüngstes schriftstellerisches Werk ist ein Beitrag zu einer großen Sammlung von Beiträgen mit dem bezeichnenden Titel „Die Glücksanthologie“. Gemeinsam mit 138 anderen Autoren aus acht europäischen Ländern schreibt sie zu diesem Gefühl, das alle Menschen möglichst oft und lange haben möchten.
Sie habe inzwischen so viel erlebt in Krankenhäusern und mit Ärzten. „Viele Menschen denken, wenn sie an einer schweren Krankheit leiden, das Leben sei vorbei. Wenn man sich hinsetzt und nichts mehr macht, dann ist man schnell damit durch. Ich lasse mich aber nicht unterkriegen“, betont sie.
„Ich möchte vor allem kranken Menschen ein Beispiel geben, dass man mit Mut und Willenskraft aus diesem Tal wieder herauskommt“, nennt sie als wichtigen Grund für ihr öffentliches Auftreten. Dabei sei die Krankheitsbewältigung nicht auf MS beschränkt. Das lasse sich verallgemeinern, sagt sie mit Blick auf ihre Erlebnisse und Erfahrungen in den vielen Krankenhausaufenthalten der letzten Jahre.
Als einen wichtigen Ansporn, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, nennt die 57jährige eine Einladung zur Teilnahme an einer Veranstaltung zum ersten „Welt – MS – Tag“ vor einigen Wochen in Berlin. Sie hatte die Verantwortlichen des Berliner Kongresses zuvor auf einer anderen Veranstaltung kennengelernt.
Unter dem Motto „Denken-Fühlen-Malen, Bilder von Menschen mit MS“
hatte eine der führenden Pharma – Firmen in der MS-Therapie zu einer Ausstellungseröffnung mit Bildern von 25 Künstlern und mit Vorträgen über den Stand der Forschung in das „Rote Rathaus“ in Berlin eingeladen.
Der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hatte die Schirmherrschaft für diese Ausstellung übernommen, konnte aber kurzfristig wegen anderer Termine nicht persönlich an der Eröffnungsfeier teilnehmen.
Zusammen mit weiteren Betroffenen nahm sie außerdem an einer Talkrunde teil.kleines-bild-von-talkrunde-in-berlin.jpg
„Ich war die einzige MS-Kranke im Rollstuhl“, erzählt sie. Der medizische Fortschritt bei den Medikamenten sei inzwischen so groß, dass den Kranken dies weitgehend erspart bleibe. Weitere Informationen gibt Anita Hermeling auf ihrer Homepage www.anitahermeling.de . Sie hält außerdem Vorträge zum Thema „Krankheitsbewältigung“ und liest auf Einladung aus ihren Büchern und dem 2008 veröffentlichen Gedichtband vor.

Münsterländische Tageszeitung (ws) Freitag, 03. Juli 2009

avatar

Über Anita Hermeling

Bereits in sehr jungen Jahren erkrankte ich an Multiple Sklerose. Nach der Geburt meiner Tochter, das Jüngste meiner 3 Kinder. Mit ihr war unsere Familie komplett, 2 Jungs, 1 Mädchen und wir die Eltern. Doch das Glück währte nicht lange. Irgendetwas stimmte nicht mit mir, das spürte ich. Zwei bis drei Jahre lang suchte ich nach einer Erklärung, bis ein Arzt mich aufklärte. Die MS war in meinen Körper, in meine Familie, in unser Haus eingezogen. Die Krankheit zog mich immer mehr nach unten, körperlich und seelisch.Niemand glaubte mehr daran, dass ich mich aus diesem Sog befreien konnte. Da geschah das Wunderbare. Ich gewann an Lebensfreude und Energie und mein Körper machte mit. Freundinnen machten mich vertraut mit Hobbys, die ich sehr mochte. Das war der Anfang meiner "Karriere" als Malerin und Autorin. Eigene Ausstellungen und Lesungen halfen mir und Menschen, die so wie ich an dieser heimtückischen Krankheit litten, Mut und Energie neu zu entfachen. Drei Bücher zum Thema, sowie Gewinner - Geschichten .aus Wettbewerben sind aus meiner Feder entstanden. Die MS hielt still, solange nichts Negatives in mein Leben trat. Hier möchte ich vorläufig enden und genießen, was mir Positives geschah.