„Freizeit Woche“

Nr. 21 – 18.Mai 2011 – Am 25. Mai ist Welt-Multiple-Sklerose-Tag
Thema der Woche: Die Krankheit mit den 1000 Gesichtern hat ein wenig von ihrem Schrecken verloren
Am 25. Mai ist Welt-Multiple-Sklerose-Tag
Die Diagnose der Multiplen Sklerose (MS) gleicht oft einem Puzzle. Doch selbst wenn der Verdacht sich erhärtet und Einschränkungen wie unüberwindbare Hindernisse erscheinen, ist ein aktiv gestaltetes Leben in Zuversicht möglich.
Sie wird nie mehr Wiener Walzer tanzen können. Denn sie sitzt im Rollstuhl. Doch Anita Hermeling 59) ist ein zufriedener Mensch: „Weil ich bewusster lebe. Ich weiß das Leben mehr zu schätzen als früher“, sagt die dreifache Mutter aus Lindern bei Cloppenburg. Bevor sie zu dieser Einstellung kam, musste sie zunächst ein schlimmes Tief durchleiden. Begonnen hatte die Talfahrt mit einer Schwarzwaldpuppe auf dem Kamin daheim – Anita Hermeling sah sie plötzlich doppelt. „Ich dachte zuerst, ich spinne“, erinnert sich die frühere Finanzbuchhalterin. Zudem fühlte sie sich oft so kraftlos. 34 Jahre ist das jetzt her.
Wegen der großen Müdigkeit war sie viele Jahre bei einem Heilpraktiker in Behandlung. Ohne Erfolg. Die Kraftlosigkeit begleitete sie noch lange – bis sie den Grund dafür erfuhr.
Anita Hermeling ist eine von 130.000 Patienten und Patientinnen bundesweit, die nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Multiple Sklerose (DMSG) an Multiple Sklerose (MS) leiden. Es handelt sich dabei um eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems, die meist im frühen Erwachsenalter beginnt. Die Beschwerden können individuell sehr unterschiedlich sein. Zudem sind sie vor allem zu Beginn der Erkrankung so gering ausgeprägt, dass sie selbst von den Betroffenen nicht immer ernst genommen werden.
Bei Anita Hermeling machten sich mit der Zeit immer mehr Beschwerden bemerkbar, für die sie zunächst Ausreden parat hatte: Taubheitsgefühle im rechten Arm, Sprachschwierigkeiten, Gleichgewichtsstörungen. „Ich hatte einen Drall nach rechts“, sagt sie. Das ist nicht untypisch. „Auch Missempfindungen, verminderte Sensibilität, Sehstörungen, Blasenstörungen – etwa häufiges Wasserlassen – und Gangunsicherheit sind Symptome, die auf MS hinweisen können“, weiß Prof. Dr. med. Sebastian Rauer (48). Er ist Neurologe am Universitätsklinikum Freiburg. Multiple Sklerose, auch „die Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ genannt, ist einer seiner Fachgebiete.
Warum ist der Nachweis von MS so schwierig? „Die typische, die schubförmig verlaufende MS, ist aus meiner Sicht nicht schwer zu diagnostizieren“, ist der Mediziner überzeugt. „Einen einzelnen Test, mit dem Sie MS nachweisen können, gibt es jedoch nicht.“ Man müsse sich die Summe der Befunde angucken, so Prof. Rauer.Kernspintomographie und Untersuchung des Nervenwassers sind unterstützende Methoden, die Hinweise liefern. Das Ergebnis einer Kernspintomographie, die Anita Hermeling wegen einer Untersuchung ihrer Lungen im Dezember 1985 machen ließ, beunruhigte schließlich damals den betreuenden Arzt. Auch ihre Gangart fiel ihm auf. Er schickte sie in die Neurologische Klinik nach Quakenbrück. Aus dem Verdacht auf MS wurde 1986 bittere Realität. Für Anita Hermeling ein Schock: Zuerst wollte sie es nicht wahrhaben“, erinnert sie sich. Ende 1986, gerade mal mit Mitte 30, musste sie schließlich krankheitsbedingt ihre Arbeit als Finanzbuchhalterin aufgeben. Ein Schritt, der ihr sehr schwer fiel. Sie bekam Schübe. So nennt man das Auftreten von einem oder mehreren Entzündungsherden mit entsprechenden körperlichen Störungen und Ausfällen. Anita Hermeling hatte starke Schmerzen, bekam Zusammenbrüche, spürte ihre Beine nicht mehr.1990 stand schließlich der Rollstuhl vor der Tür. „Das war das Schwerste. Von da an war ich auf Hilfe angewiesen“, sagt Hermeling, die früher gern tanzte und Kegeln ging, körperlich aktiv war. Sie fiel in ein Loch: „Ich war nicht fähig, Haushalt und Kindererziehung zu managen. Ich befand mich in einem psychischen Tal“, sagt sie. Das war eine große Belastung für die ganze Familie. Vor allem für ihren Mann Hans (62), der sich neben seinem Job um die drei Kinder und den Haushalt kümmern musste.alt=“Anita Hermeling ist trotz ihres Handicaps sehr kreativ“Anita Hermeling trotz  Handicap sehr kreativ
Doch dann gab es eine positive Wende: Ãœber eine Freundin kam Anita Hermeling zur Malerei. Zudem begann sie, ihre Gedanken zu Papier zu bringen. Das Malen und Schreiben gaben Anita Hermeling eine neue Lebensperspektive, gaben ihr Halt. „Wenn ich Pinsel und Farbe vor mir hatte, waren die Ängste weg. Sie fielen aufs Papier“, erinnert sie sich an ihre kreativen Anfängezu Beginn der 90er Jahre. Inzwischen nimmt Anita Hermeling öfter an Ausstellungen teil (etwa an der Copaktiv-Ausstellung „Denken-Fühlen-Malen – Bilder von Menschen mit MS“, zu sehen beispielsweise bis 25.05. in der Stadtbibliothek Berliner Platz in Erfurt).
Zudem hat die vierfache Großmutter inzwischen schon drei Bücher verpasst (z.B den autobiographischen Titel „Die andere Freiheit auf Rädern – mein Leben mit MS“). Auf ihrer Homepage (www.anitahermeling.de) weist sie darauf hin, dass sie ihre Bücher all jenen gewidmet hat, die eine Krise erlebt haben und „die eine neue Perspektive suchen“. Regelmäßig liest sie aus ihren Texten, hält Vorträge.
Sie will anderen Mut machen Anderen die Angst zu nehmen, das gibt ihr viel. Anita Hermeling ist überzeugt: „Ich bin krank geworden, damit ich anderen mit meiner Geschichte Mut machen kann. Ich glaube nicht an Zufälle.“
Fragt sie sich nicht manchmal, warum gerade sie krank wurde? „Nein, schon lange nicht mehr. Ich habe meine Lebensaufgabe gefunden.“ Und sie kann ihrer Erkrankung noch eine andere positive Seite abgewinnen: „Auf Umwegen hat sich mein Berufswunsch doch noch erfüllt.“ Denn eigentlich hatte Anita Hermeling Journalistin werden wollen. Heute schreibt sie zwar keine Reportagen, aber Romane und Gedichte. „Das Schreiben ist für mich befreiend“, sagt die aktive Frau im Rollstuhl. Im Rollstuhl muss Multiple Sklerose heute dank der Forschung, nicht mehr zwangsläufig enden. Die Krankheit hat etwas von ihrem Schrecken verloren. Prof. Dr. Rauer ist optimistisch: „Es werden weitere gute Medikamente auf den Markt kommen. Den meisten neuen Patienten werden wir sagen können, dass man MS stoppen kann.“ Eine EU-Kommission gab kürzlich erst grünes Licht für ein neues orales Medikament. Heilen kann man MS damit nicht, „aber hemmen“, so Rauer. Patienten wie Anita Hermeling, die schon mehr als 20 Jahre krank sind, wird diese Tablette nicht helfen. Dennoch ist sie zuversichtlich. Und ihren Rollstuhl sieht Hermeling nicht mehr als Feind. „Ich komme mit ihm bestens klar. Wir haben uns aneinander gewöhnt.“
Unter www.aktiv-mit-ms.de finden Betroffene und Angehörige Informationen rund um die MS-Erkrankung, ein kostenloses Angebot an Broschüren sowie Austauschmöglichkeiten mit anderen Patienten.
Professor Dr. Sebastian Rauer vom Neurozentrum des Universitätsklinikums Freiburg kennt sich bestens mit dem Krankheitsbild der Multiplen Sklerose aus.
Freizeit Woche Nr. 21 vom 18. Mai 2011 Heike Schulze-van-Loon

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Über Anita Hermeling

Bereits in sehr jungen Jahren erkrankte ich an Multiple Sklerose. Nach der Geburt meiner Tochter, das Jüngste meiner 3 Kinder. Mit ihr war unsere Familie komplett, 2 Jungs, 1 Mädchen und wir die Eltern. Doch das Glück währte nicht lange. Irgendetwas stimmte nicht mit mir, das spürte ich. Zwei bis drei Jahre lang suchte ich nach einer Erklärung, bis ein Arzt mich aufklärte. Die MS war in meinen Körper, in meine Familie, in unser Haus eingezogen. Die Krankheit zog mich immer mehr nach unten, körperlich und seelisch.Niemand glaubte mehr daran, dass ich mich aus diesem Sog befreien konnte. Da geschah das Wunderbare. Ich gewann an Lebensfreude und Energie und mein Körper machte mit. Freundinnen machten mich vertraut mit Hobbys, die ich sehr mochte. Das war der Anfang meiner "Karriere" als Malerin und Autorin. Eigene Ausstellungen und Lesungen halfen mir und Menschen, die so wie ich an dieser heimtückischen Krankheit litten, Mut und Energie neu zu entfachen. Drei Bücher zum Thema, sowie Gewinner - Geschichten .aus Wettbewerben sind aus meiner Feder entstanden. Die MS hielt still, solange nichts Negatives in mein Leben trat. Hier möchte ich vorläufig enden und genießen, was mir Positives geschah.